Wie stelle ich mir Literatur vor?

Zweidimensional, sensorisch, zeit- und raumlos

Wenn ich an Literatur denke, stelle ich mir eine bestimmte Literatur vor, weil sie mich berührt. Es gibt zwar andere Literatur, aber die berührt mich nicht. Woran liegt es, wenn mich Literatur berührt? Was macht sie anders als andere Literatur? Die Antwort auf diese Fragen führt mich zu folgender Überlegung: Literatur und Kunst sollten zweidimensional, tastend und fühlend sowie zeit- und raumlos sein.

Zweidimensional betrachten

Was heißt „zweidimensional“? Ich erinnere mich, einmal einen indischen Film gesehen zu haben, bei dem zentrale Szenen einer Auseinandersetzung zwischen zwei Freunden vor einem schroff aufsteigenden Grashügel gefilmt worden waren. Diese „flache Leinwand“ fokussierte den Blick des Betrachters sehr wirkungsvoll.

So hat man im Mittelalter gemalt, als das physische Leben der Menschen immer am seidenen Faden hing: zweidimensional, ohne Perspektive. Zwar hängt das Leben in reichen Ländern heute oft eher seelisch als physisch am seidenen Faden, dennoch sind Dreidimensionalität, Farbigkeit und Perspektive nutzlos; sie sind Ablenkung vom Wesentlichen. Das Wesentliche ist einfach, konzentriert – mit gestauchter Perspektive.

Sensorisch (fühlend und tastend) beschreiben

Was heißt sensorisch, also „fühlend und tastend“ beschreiben? Wenn ein Mensch gedemütigt, kleingehalten, verprügelt, vergewaltigt, verletzt oder auch enttäuscht oder seines Vertrauens beraubt wird, ist das Ergebnis dieser Gefühle – vor allem der erinnerten Gefühle – kein monolithischer Fels aus immer gleichen „negativen“ und „schmerzlichen“ Gefühlen.

Vielmehr verbirgt sich in dieser Gefühlshistorie ein Kosmos, der zwar einer verobjektivierenden Gesellschaftskritik zugänglich ist, aber nicht auf eine solche Kritik reduziert werden sollte. Wer sich ein Leben lang gegen „schlechte“ Gefühle oder Erinnerungen wehrt, wird nie erfahren, dass das Schlechte ein unveränderbarer Teil der Welt ist. Menschen, die das Schlechte ablehnen, leben ein Leben voll schmerzhafter, seelischer Leugnung; sie leben in einer orientierungslosen Illusion.

Die Landkarte der menschlichen Entwicklung und Beschädigung zu zeichnen ist die vornehmste Aufgabe der Literatur und Kunst. Ausgerüstet mit dieser Landkarte kann die Suche nach eigener, situationsbedingter Wahrheit beginnen. Wie sich ein Vorgang in den Gefühlen eines Menschen niederschlägt (das momentane Erleben ist nicht besonders wichtig), ist keine von vorneherein ausgemachte Sache und auch nicht stereotyp. Darüber, wie verschiedene Menschen einen sehr ähnlichen Vorgang in ihrem „Gefühlskörper“ erleben und warum dies so ist, wissen wir letztlich wenig.

Wenn man sich nicht innerlich panzert, stellt sich zu jedem erlebten Vorgang die Frage: Wie tragen die dabei entstehenden Gefühle zum Aufbau eines großen, lebendigen „Schmerzkörpers“ im Inneren des Menschen bei? Die nächste Frage ist dann: Wie ist die genaue Physis dieses inneren, seelischen Körpers beschaffen?

Weiter kann man fragen, ob es gelingt, den Schmerzkörper vom jeweiligen Ich zu entkoppeln. Dazu muss man wissen, wo Schmerzkörper ist und wo nicht; man muss seine Umrisse und Gestalt kennen. Wenn der Schmerzkörper bekannt ist, kann man sogar darangehen, dass „Ich“ aus seiner dominanten Position zu verdrängen.

Heute werden gerne Geschichten von Helden und Opfern erzählt. Alle Menschen sind aber in Wirklichkeit klein, schwach und verletzlich, sowohl Kinder als auch Erwachsene. Zwischen Held und Opfer liegen die meisten Menschen irgendwo in einer gedachten Mitte. Demut wäre eine bessere Haltung als Heroismus oder Depression.

Warum nicht „sensibel“ beschreiben? Der Begriff „sensibel“ legt so etwas wie emotionale „Weichgespültheit“ nahe, einen Grundton des passiven Mitgefühls. Eine solche Grundhaltung trägt nicht zur Erhellung bei. Um die Gefühlslandkarte der Welt zu erkunden, benötigt man eher abgeklärten Mut und Abenteurergeist.

Warum nicht „impressionistisch“? Das Ich ist zwar nicht beständig, und der „Schmerzkörper“ des Menschen relativ wandelbar, dennoch sind sie oft mehr harte Wirklichkeit als subjektiver Eindruck. Für Menschen, auch kollektiv betrachtet, sind „Ich“ und „Schmerzkörper“ oft die einzige – jeweilige – Wirklichkeit, an der sie sich festklammern.

Zeit- und raumlos eintauchen in die Welt

Was heißt „zeit- und raumlos“ in die Welt eintauchen? Ein bestimmter Teil der heutigen Produktion von fiktionalen Texten siedelt seine Handlung „in einer anderen Zeit“ oder „im historischen Gesamtzusammenhang der Welt“ an, entweder in der Vergangenheit, beispielsweise im Mittelalter, in der Steinzeit, bei Jägern und Sammlern, oder in der Zukunft, beispielsweise in einer futuristischen Welt mit interstellarer Reisetätigkeit, autonomen Robotern und einer ausgefeilten technologischen Sozialkontrolle.

Andere Erzählungen spielen in einer Fantasiewelt, die aus Versatzstücken der menschlichen Geschichte besteht und den „Gesamtzusammenhang“ der Gesellschaft episch verfremdend zu beschreiben versucht. Das Grundprinzip dieser literarischen Ästhetik entspricht aber der Ideologie unserer heutigen Gesellschaft, die heißt: „Entwicklung – Fortschritt – Zukunft“.

Tatsächlich wirkt dies eher als Blendwerk. In ihrer wesentlichen Dynamik verändert sich die menschliche Gesellschaft gar nicht, trotzdem es im Außen und in der Gesellschaft scheinbar tiefgreifende Veränderungen gibt, die auch eine große Kraft entfalten. Aber der Mensch „erfährt weder durch die Wissenschaft noch durch die Vorgänge der vergänglichen Welt jemals etwas Neues“. Die Seele eines jeden Menschen trägt alles, was man wissen kann, bereits schlummernd in sich.

Das Große ist im Kleinen verborgen. Es ist unnötig, ein getreues Abbild der großen, weiten Welt und der Gesellschaftsstruktur im Gesamten zu schaffen – die ganz große Leinwand aufzuziehen. In dem kleinen Bild eines wohlmeinenden, unschuldigen Kindes, das die Hände freundlich ausstreckt, nur um von einem ungehaltenen Erwachsenen daraufgeschlagen zu bekommen, ist bereits alle Dramatik und alle Analyse und alle Kritik und alle Kunst enthalten, die die Welt braucht.

Andererseits braucht es dennoch keine fiktionalen moralischen Traktate. Es wäre tatsächlich gut, das Lesen würde dem Leser die Zigarre aus der Tasche zaubern – um in großer Ruhe leidenschaftslos darüber zu reflektieren. Das Zeitalter der literarischen „Entfremdung“ ist gleichwohl an ihr Ende gekommen. Leser oder Zuschauer sollten weder nach ausgiebiger Analyse endlich etwas „erkennen“ noch sollten sie angeleitet werden, kritisch „Partei zu ergreifen“. Der Eindruck muss vielmehr direkt sein, denn im Leben kann man sich nicht wirklich einem Objekt von außen annähern, also sich mit ihm identifizieren. Es gibt nur eine Annäherung von innen, ein Verschmelzen.

Warum ist das so? Um sich mit jemandem oder etwas von außen zu „identifizieren“, muss man von diesem Anderen verschieden sein; das ist das Wesen von „Identifikation“. Zwei unterschiedliche Dinge sind nicht „identisch“ und können es auch nicht werden. Ein Ding dagegen, beispielsweise ein Mensch oder eine Person, ist zwar identisch mit sich selbst, aber aus dieser Tatsache erfährt man nichts, denn mit welchem anderen Gegenstand sollte er oder sie dann identisch sein? „Verschmelzung“ oder „Einswerden“ ist nicht „Identifikation“.

Natürlich bleibt ein Zweifel, ob der Wunsch „eins zu werden“ jemals an sein Ziel gelangen kann. Der Versuch, einem anderen innerlich vollständig nahe zu sein, hat dennoch eine höhere Energie als der Wunsch, für jemanden Partei zu ergreifen. Wer mit einem anderen eins würde, würde alles so erleben, als würde es ihm oder ihr unmittelbar selbst geschehen. Um dabei nicht wahnsinnig oder depressiv zu werden, benötigt man zusätzlich eine geduldige Haltung gegenüber der Tatsache, dass es in der Welt immer Schlechtes geben wird.

Der Rezipient eines Kunstwerks sollte nicht reflektierend und betrachtend einem Objekt gegenüberstehen und dann „Partei ergreifen“; wesentlich ist vielmehr eine unmittelbare Erkenntnis, in der keine Distanz zwischen dem Erkennenden und dem Erkenntnisobjekt besteht. Mitgefühl und Sympathie sind zwar an sich gut, aber dafür braucht es keine Kunst. Wer lediglich für einen anderen eintritt, tritt lediglich als Stellvertreter auf und kann sein Mandat jederzeit ruhen lassen.

Distanz erzeugt Trennung. Trennung ist das Problem unserer Zeit. „Als Eines, nicht als Gleiches“ soll man sich dem Erkenntnisobjekt nähern. Das bedeutet „zeit- und raumlos“ eintauchen: die Abwesenheit von Distanz.